Dada

Dada ist nur schwer zu fassen: „Was Dada ist, wissen nur die Dadaisten. Und die sagen es niemand“, schrieben die Dadaisten selbst. Zum besseren Verständnis der Auswirkungen kann man aber drei grundsätzliche Bedeutungsebenen oder Einflussgebiete definieren, die es erlauben, drei sich ergänzende Konzeptebenen des Jubiläums zu bestimmen: Dada ist lokal, Dada ist global, Dada ist universal.

Dada lokal

„Die Gastfreundschaft der Schweiz ist über alles zu schätzen, und im Ästhetischen kommt’s auf die Norm an.”

Hugo Ball, Eröffnungsmanifest am 1. Dada Abend, 14.7.1916

 

Das Cabaret Voltaire ist der dadaistische Nabel der Welt. Es ist der mythische Ort der Gründung von Dada. Es gibt einen lokalen Zürcher Dadaismus, bedingt durch die zeitliche, politische und kulturelle Konstellation des Jahres 1916. Dada Zürich unterscheidet sich in seiner kabarettistischen Art stark von all den anderen, bildnerisch eigenständigeren und politisch radikaleren Dadaismen in Paris, New York oder Berlin, die sich bereits vor- oder unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg mit und ohne Dada-Label formiert haben.

 

In Zürich kommt es immer wieder zu neodadaistischen Revivals, zu Neuinterpretationen, Remakes, Wiedergeburten und Hommagen. So hat sich die  Studentenbewegung von 1968 ebenso an Dada orientiert wie die „Bewegig” der achtziger Jahre oder die kreative Besetzung der Spiegelgasse 1 zu Beginn des neuen Jahrhunderts.

Dada global

„Ein internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung.”

Hugo Ball, Eröffnungsmanifest 1. Dada Abend, 14.7.1916

 

Dada war nicht nur das Cabaret Voltaire. Bewusst haben sich die Original-Dadaisten der Spiegelgasse international ausgerichtet. Als die eigentliche Zugmaschine der Avantgarde war Dada zu Beginn der Zwanzigerjahre eine weltumspannende Bewegung, die annähernd hundert verschiedene Künstler und ein paar Künstlerinnen aus Süd-, Nord-, West- und Osteuropa, von Amerika bis nach Japan vereinte. Und alle diese Väter, Mütter, Schwestern, Geliebten, Antreiber und Deserteure des Mouvement en voyage haben zur globalen Verbreitung beigetragen, sei es mit einem Aperçu auf einem Papierschnipsel, einer auf Serviette gekritzelten Botschaft aus dem Jenseits, einer signierten Pissoirschüssel, einem auf Zelluloid gebannten Vormittagsspuk, einem achtmäulig vorgetragenen Simultangedicht oder sonst einer künstlerischen Initialgeste. Dada reagierte mit Wahnwitz auf den Wahnsinn der Zeit, Dada begleitete die Heraufkunft der modernen simultanen Informationswelt, der illustrierten Presse, des Radios, des Kinos.

Dada universal

„Dada ist die Weltseele“: Hugo Ball, Eröffnungsmanifest 1. Dada Abend, 14.7.1916

 

Dada als kunsthistorischen Ismus zu denken, würde zu kurz greifen: „Dada war da, bevor Dada da war!“ lautet einer der Slogans der Dadaisten. „Dada ist das Chaos, aus dem sich tausend Ordnungen erheben, die sich wieder zum Chaos Dada verschlingen. Dada ist der Verlauf und der Inhalt des gesamten Weltgeschehens gleichzeitig“ (Erklärung des Club Dada, in: Richard Huelsenbeck, Der Dada Almanach, Berlin 1920). Der Begriff DADA hat sich von seinem historischen Moment emanzipiert.

 

„Dada universal“ ist der eigentliche neue Zugang zu Dada, den das Jubiläumskonzept von bisherigen historischen Ausstellungen und Dada–Revivals unterscheidet. Denn Dada ist kein Ismus. „Dada ist die wahre Grundlage und Hoffnung auf Erkenntnis“, sagt der Kunsthistoriker Werner Oechslin. Mit Dada hat eine grundsätzliche Position absoluter individueller und kreativer Freiheit lediglich einen Namen bekommen.

 

Auf dieser Grundlage, die Dada als etwas Universelles skizziert, soll konsequent weitergedacht werden. „Dada war da, bevor Dada da war“. Dada universal will den umfassenden Charakter Dadas deutlich machen und dessen räumliche wie zeitliche Unabhängigkeit offen legen. Denn um etwas Allumfassendes, Allgemeingültiges, um kulturelle Überzeugungen, um absolute Autonomie und Freiheit ging es den dadaistischen Rastaquères in ihrem Vabanquespiel mit dem grossen NEIN.